"Uns fehlen Möglichkeiten, unseren Sport auch auszuüben"
Südthüringer Enduro-Sportler: Grenzen der Fairneß sind überschritten
Mit einem offenen Brief wandten sich insgesamt 74 Mitglieder der Interessengemeinschaft
Endurosport Südthüringen an den Thüringer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel.
In dem Brief hieß es:
Seit längerer Zeit wird gegen uns, die Motorradgeländesportler des Raumes
Südthüringen, in den Printmedien eine regelrechte Kampagne betrieben, deren Ausmaß die
Grenzen der Fairneß weit überschreitet.
Ein Bürgermeister aus dem Raum Suhl forderte sogar die Aufstellung einer Bürgerwehr, um
gegen uns vorzugehen. Wir sind nicht gewillt, mit Gesetzesverletzern und Kriminellen
verglichen und in einen Topf geworfen zu werden. Da wir auch immer wieder als "wilde
Moto-Crosser" abqualifiziert werden, hierzu eine verständliche Erklärung:
Unter dem Oberbegriff "Motorradgeländesport" werden verschiedene Sportarten
zusammengefaßt, die wichtigsten sind Moto-Cross, Enduro und Trail. Unter Enduro, also
unserem Sport, versteht man Geländezuverlässigkeitsfahrten, die grundsätzlich nur mit
zum Straßenverkehr zugelassenen Fahrzeugen bestritten werden. Von Sonderprüfungen
abgesehen, finden Enduro-Wettbewerbe nicht auf speziell angelegten Strecken, sondern auf
öffentlichen (unbefestigten) Wegen bzw. querfeldein statt. Als Endurofahrer ist es uns
ein Bedürfnis, unseren Sport in und mit der Natur auszuüben und die Schönheit derselben
zu genießen.
Insbesondere Enduro-Motorräder haben mittlerweile einen sehr hohen Marktanteil und es ist
deshalb nicht verwunderlich, daß deren Besitzer nicht nur hin und wieder ihre Fahrten im
Gelände durchführen. Wir wissen aber auch, daß gerade solche räumlich nicht
gesteuerten Fahrten aus Naturschutzsicht mit erheblichen Problemen verbunden sein können.
Daraus jedoch ein Horrorszenario zu machen, dürfte weit überzogen sein! Bei
Zurverfügungstellung von geeigneten Strecken können Störungen der Fauna,
Erosionsschäden und dgl. weitestgehend verhindert werden; es würden dadurch
"wilde" Fahrten in sensiblen Biotopen größtenteils unterbleiben.
Unbestritten ist, daß der Enduro-Sport in Südthüringen, seit Generationen ausgeübt
wird. Namen wie Thomas Bieberbach, Enduro-Weltmeister 1990, Horst Geißenhöner,
Vize-Europameister, Ewald Schneidewind, Dieter Salevski und viele mehr stehen für die
Beliebtheit und den Erfolg dieses schönen Sports. Heute, da die dafür geeigneten
Fahrzeuge käuflich überall erworben werden können, gibt es immer mehr Anhänger in
allen Altersklassen. Bis nach der Wende gab es im Raum Suhl ausgewiesene Trainings- und
Wettkampfstrecken, die jedoch allesamt gesperrt wurden.
Wir wissen noch sehr wohl um die Begeisterung vieler Motorsportfreunde, die zu Tausenden
die Strecken bei den spannenden Wettbewerben säumten. Deshalb tut es auch weh, wenn
versucht wird, diesen schönen Sport in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Es stimmt
schon, daß die Besitzer von Geländemaschinen auch ins Gelände, in die Natur müssen.
Und das ruft immer mal wieder Ärger hervor. Dies geht soweit, daß Geländesportlern die
Reifen zerstochen werden oder von Waffenführenden Jägern Bedrohungen ausgehen.
Ausgewiesene Strecken wären eine Lösung
Wir, die Geländesportler, erklären, daß wir keine Konfrontation wollen und es uns nur
darum geht, unseren Sport auszuüben. Wir sind keine Wald- und Wildfrevler und auch keine
Umweltmuffel, da für die Ausübung unseres Sports neben der Beherrschung der Fahrzeuge in
Extremsituationen das Naturerlebnis eine vorrangige Bedeutung hat. Gerade deshalb ist es
für uns schwer verständlich, daß es trotz anders lautender Bestimmungen im Thüringer
Waldgesetz keine Möglichkeit geben sollte, für Enduro-Freunde entsprechende Strecken
auszuweisen. Damit wäre allen geholfen, dem Forst und unseren Sportfreunden
gleichermaßen. Das wäre auch eine gute Möglichkeit, vor allem Jugendlichen
Trainingsstrecken anzubieten und sie so von der Straße fernzuhalten. Positiv würde sich
schließlich das Trainingsgelände auch auf die Sicherheit im Straßenverkehr auswirken.
Für Südthüringen, könnte das bedeuten, das Trockenrasenbiotop des ehemaligen
russischen Truppenübungsplatzes am Dolmar für die Endurosportler freizugeben, was einen
niederen Vegetationstyp erhalten, und eine Bewaldung verhindern könnte. Wir können uns
jedoch auch vorstellen, daß uns das Landratsamt oder das zuständige Forstamt
entsprechende Vorschläge für Trainings- und Wettkampfstrecken unterbreiten. Wir wären
bereit, uns finanziell an der Erhaltung der Umwelt zu beteiligen. Gerade das wurde im Raum
Zschopau/Sachsen mit Erfolg praktiziert, warum soll es hier nicht gehen?
Wir bitten Sie, Herr Ministerpräsident, mit den Ihnen zur Verfügung stehenden
Möglichkeiten unser Anliegen zu unterstützen.
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Antwort vom Landrat:
Sehr geehrter Herr xxx,
als unbedingter Foerderer des Sportes in unserem Landkreis setze natuerlich auch ich
mich fuer Ihr Ansinnen ein. Ich moechte aber an dieser Stelle betonen, dass bestimmten
Formen des Ausuferns von "wilden Crossern" Einhalt geboten werden muss. So kommt
es immer wieder vor, und das belegen unsere Unterlagen aus den entsprechenden Kommunen,
dass eine Vielzahl von Crossern mit unzureichend zugelassenen und versicherten Fahrzeugen
ueber oeffentliche Verkehrswege in Flur und Wald unter Entfaltung erheblicher
Graeuschemmision brausen und somit zu einer nachhaltigen Stoerung der Bevoelkerung
fueheren. Bei entsprechenden Beschwerden wir dann umgekehrt geradezu militant reagiert,
bis hin zum Androhen von Gewalt. Wir sind aufgrund der Vielzahl von Beschwerden nicht
laenger gewillt, diesen Wildwuchs stillschweigend hinzunehmen.
Umgekehrt aber gehen meine Bemuehung dahinn, dass a) die schwarzen Schafe zunaechst
nicht bestraft,
sondern nur belehrt werden und b) dass legale Sportstaetten, sprich Uebungsstrecken,
gefunden und geschaffen werden. So gibt es eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen dem
Landratsamt und dem Motorsportclub in Walldorf. Aufgrund der diesbezueglichen
Zusammenarbeit und Unterstuetzung konnte so eine legale Uebungsstrecke in Walldorf
geschaffen werden. ich bin deshalb auch weiterhin bemueht, mich fuer Ihre Interessen
einzusetzen. Umgekehrt aber sind die Iteressen des Tourismus, der erholungsuchenden
Buerger und des Erhaltes von Natur und Umwelt mit in die Waagschale zu werfen.
In dieser Abwaegung von Rechtsguetern muss ei gesundes Mittelmass gefunden werden. ich
bin sicher, dass eine konstruktive, offen vorgetragene Zusammenarbeit zwischen den
Interessenverbaenden, Vereinen und Behoerden zu einem ziehlfuehrenden Kompromiss fuehren
kann.
Antwort an den Landrat:
Sehr geehrter Herr Luther,
im Namen meiner Sportfreunde bedanke ich mich zunaechst fuer Ihr Antwortschreiben und
das darin bekundete Interesse an der Loesung unseres Anliegens.
Wir stimmen Ihnen uneingeschraenkt zu, dass dem Ausufern von wilden
Crossern" Einhalt geboten werden muss, da es sich hierbei tatsaechlich um Leute
handelt, die der Natur und unserem Anliegen schaden.
Desweiteren sind wir Ihrer Meinung, dass fuer beide Seiten ein hinnehmbarer Kompromiss
gefunden werden muss.
Das Projekt Walldorf haben wir mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt, streben aber eine
Loesung in der Region Suhl an, um an die bisherige Tradition anknuepfen zu koennen.
Desweiteren moechten wir die Anfahrtsstrecke zu einem solchen Trainingsgelaende so kurz
wie moeglich halten. Die meisten unserer Sportfreunde, darunter nicht wenige mit
internationalen Erfolgen, kommen aus dieser Region.
Wie moechten noch einmal klarstellen: Wir sind Enduristen und unser Sportgeraet das
Krad", ist:
- fuer den oeffentlichen Straßenverkehr zugelassen 2. versteuert 3. versichert 4.in
dessen Kaufpreis die MwSt. enthalten 5.in jedem Liter Benzin / Oel die Mineraloelsteuer
enthalten
Weiterhin sehen wir nicht die Herausforderung darin, einen Parcour
moeglichst schnell zu befahren, sondern die natuerliche Gelaendeschwierigkeit
(Bergauffahrt, Wasserdurchfahrt, Graeben,Baeume usw.) zu ueberwinden !
Fuer uns ist der Weg das Ziel! Motorsport in seiner naturverbundensten
Form.
Bitte trennen Sie diese Sportarten in Ihrer kuenftigen Betrachtungsweise.
In Ihrem Schreiben erklaeren Sie, dass von unserer Seite militant reagiert
wird, aber dass kann und wollen wir nicht so stehen lassen: Es gibt unter uns Fahrern eine
Art Verhaltens-Kodex der wie folgt aussieht:
Trifft ein Endurist auf einen Wanderer, Radfahrer usw. wird prompt die Geschwindigkeit
reduziert und mit Schrittgeschwindigkeit vorbeigefahren! Bei Reitern wird strikter
gehandelt: naehmlich das Krad sofort abgestellt um ein Scheuen des Pferdes zu verhindern!
Wir sind dabei, diesen Kodex bei allen Enduristen zu verbreiten!
Dies ist aber nur moeglich, wenn sich jeder sicher sein kann, dass keine Gefaehrdung
des Enduristen selbst aufkommt! Oft genug wurde uns berichtet, wie Jaeger ihre Waffen
gegen Enduristen hielten oder sogar Schuesse abgaben . Ich selbst wurde von einem Jaeger
(unter Zeugen)auf einem 3 m breitem Feldweg mit einem Messer bedroht . Diese Darstellungen
sind keine Erfindung einzelner Personen.
Weiterhin moechten wir Sie informiern, dass schon 2 Menschen beim Ausueben unseres
Sports in Deutschland sterben mussten. Der eine wurde von einem sich versehentlich
loesenden Schuss aus einer Jagdwaffe ermordet, der andere verblutete durch ein in
Kopfhoehe gespanntes Stahlseil!
Wir sind uns bewusst, dass es auf beiden Seiten schwarze Schafe" gibt und
eine Pauschalisierung fehl am Platz waere!
Zum Beispiel haben wir in Viernau ein tolerantes Zusammenleben!
Ich persoehnlich begeistere mich sehr fuer die jagdliche Passion.
Hiermit erklaeren wir uns gerne bereit, uns mit den verschiedenen Personen an einen
Tisch zu setzen und zu einer Loesung beizutragen. Persoehnlich stehe ich Ihnen ab ca 12.
November jederzeit zu einem Gespraech zur Verfuegung! Wir bitten, um die Einberufung einer
solchen Gespraechsrunde, da auf schriftliche Weise nur bedingt diskutiert werden kann.
Desweiteren bitten wir hoeflichst, sollte der Leiter des Forstamtes Schwarza, Herr Dr.
E. Lucke, zu diesem Gespraech eingeladen werden, Ihn ueber die Etikette einer solchen
Diskussion im Vorfeld zu informieren.
Wir bitten, die Problemloesung schnellstmoeglichst anzugehen, da die meisten unserer
Sportfreunde nicht laenger gewillt sind, sich mit Militanten vergleichen zu lassen!
Mit freundlichen Gruessen
IGEST
Viernau, 11.10.2001 |